Japaner und Fremdsprachen

Können Japaner Fremdsprachen?

Japaner und Fremdsprachen – ein schwieriges Thema. Können Japaner überhaupt Fremdsprachen? Im Prinzip schon. Die Frage müsste daher eher lauten, welche Fremdsprachen in Japan gesprochen werden. Dann ist es auch sinnvoll zu betrachten, welche die häufigsten Fremdsprachen in Japan sind. Und schließlich noch, wie gut die Japaner die gängigen Fremdsprachen beherrschen.
Doch beginnen möchte ich mit einem kurzen, historischen Rückblick über die Verbreitung von Fremdsprachen im fernen Nippon.

Japanische Fremdenführerin mit ausländischen Gästen
Abb. 1: Bei weitem nicht alle Japaner sprechen Englisch oder andere Fremdsprachen. Es stehen auch nicht immer ehrenamtliche Fremdenführer mit guten Fremdsprachenkenntnissen zur Verfügung, wie hier in Asakusa/Tōkyō. ©JNTO.

Japaner und die Fremdsprachen

Begonnen hat das Interesse an Fremdsprachen mit den Kontakten zu China, ab dem 6. Jh. Auch Koreanisch lernte man, da über die Jahrhunderte viel Wissen aus China über Korea nach Japan kam. Wegen der diplomatischen Beziehungen und um den Wissensdurst zu stillen, begaben sich japanische Gelehrte nach China und in die koreanischen Königreiche, um dort die Sprachen und Wissenswertes zu erlernen. Bis ins 16. Jh. sollten dies die zwei wichtigsten Fremdsprachen in Japan sein.

Die Europäischen Sprachen

Im 16. Jh. kamen portugiesische Seefahrer als erste Europäer in Südjapan an. Einige Japaner lernten darauf Portugiesisch, um Handel zu treiben. Den Seefahrern folgten Missionare aus Portugal und Spanien. Kurz darauf kamen die Niederländer. Sie waren dann lange die einzigen Europäer in Japan, das sich im 17. Jh. wegen der europäischen Einflussnahme nach außen abschottete. Der Bedarf nach anderen Sprachen erhielt erst ab 1853 einen erneuten, unfreiwilligen Schub. Damals zwangen die USA das Kaiserreich seine Grenzen für den Außenhandel zu öffnen. Es kamen US-Amerikaner, Briten, Franzosen, Deutsche, Niederländer und Russen. Fachleute aus diesen Ländern waren gefragt, sprachen aber selten Japanisch. Also lernte eine neue japanische Elite die Fremdsprachen, damit sie in diesen Ländern eine Ausbildung antreten konnte, die zur Modernisierung des Reichs beitragen sollte. Dann kamen ab 1910 der japanische Imperialismus und ab 1941 der Zweite Weltkrieg. Japan war eine Großmacht und löste die europäischen Kolonialmächte in Asien ab. Das Kaiserreich versuchte in den besetzten Gebieten Japanisch als offizielle Sprache einzuführen. 1945 kam die Niederlage. Die Jahre bis 1972 waren von der US-amerikanischen Besetzung geprägt. Viele Japaner empfanden Englisch als etwas aufgezwungenes. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Japans als Exportriese jedoch, wurde Englisch zur wichtigsten Fremdsprache.

Schlechte Lehrmethoden

I. d. R. sind durchschnittliche Japaner in Sachen Englisch nicht wirklich gut. Sie lernen zwar in der Mittel- und Oberschule die Sprache, aber selten von Lehrern, die Muttersprachler sind. Der Fokus liegt im Sprachunterricht meist auf Grammatik und Vokabeln. So können japanische Schüler zwar “Present Perfekt” von “Present Continuous” unterscheiden und erklären, aber leider kaum einen Satz frei formulieren. Konversationsfähigkeit steht nicht im Vordergrund. Das liegt vor allem daran, dass die Englischkenntnisse in erster Linie dem Bestehen der Aufnahmeprüfung an eine japanische Universität dienen sollen. Diese wiederum nutzen standardisierte Test, die nur das passive Verständnis vor allem der geschriebenen Englischen Sprache Prüfen, nicht aber die aktive Sprachfähigkeit.

English ist nicht beliebt

Muttersprachler des Englischen z. B., die oft über das Japan Exchange and Teaching Program (JET) als Assistenzlehrer im schulischen Sprachunterricht eingesetzt werden, unterstützen japanische Englischlehrer nur. Meistens mit amüsanten Aussprache- oder Konversationsübungen. Und viele der japanischen Englischlehrer haben eine eher mäßige Aussprache, tun sich also mit der Phonetik schwer. Die Schüler ebenso. Demnach mögen laut Umfragen viele japanische Schüler die englische Sprache nicht wirklich. Sie trauen sich nicht sie zu sprechen, aufgrund rein passiver Kenntnisse. Da hält man lieber den Mund, um sich nicht zu blamieren. Die Aussprache ist bei vielen Japanern oft schwer verständlich (siehe Video 1).
Seit etwa dem Jahr 2000 versucht die japanische Regierung den Englischunterricht zu verbessern und zu intensivieren. Jedoch läuft die Reform des schulischen Englischunterrichts recht schleppend. Noch immer gelten in Schulen ein öder Lehrplan und Frontalunterricht. Es hapert an der Umsetzung innovativer Lehr- und Lernmethoden.

Video 1: © Native Camp online Sprachkurse, Japan 2016. Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=rdOHb8XHn54. Hinweis: Die Rechte am Video liegen beim Urheber oder dessen Auftraggeber (Native Camp, Japan). Das Video dient hier nicht der Werbung, sondern allein dem Zweck der Veranschaulichung der oben aufgeführten Sachverhalte!

Was ist das Problem?

Einer Studie zufolge können nur ca. 30% der Japaner wirklich gut (verständlich) Englisch sprechen. Neben dem ineffektiven Unterricht und der Unbeliebtheit der Sprache, muss es noch andere Gründe geben, dass diese Fremdsprache so wenige (Für-)Sprecher hat. Z. B. die fehlende Verwandtschaft des Japanischen zum Englischen (und anderen europäischen Sprachen). Angeblich sollen Japaner 4.000-5.000 Lernstunden benötigen, um Englisch “fließend” sprechen zu können. Europäer brauchen im Vergleich nur 1.200. Japanische Wissenschaftler vermuten sogar eine nationalistisch motivierte Abneigung gegen die englische Sprache. Besonders konservative Gelehrte sehen in einer Anglisierung Japans eine Gefahr für die Muttersprache. So kann z. B. eine wachsende Zahl junger Japaner die Höflichkeitsformen der eigenen Sprache nicht richtig anwenden. Auch die Fähigkeit klassische japanische Texte zu verstehen schwindet. Und da Japan nicht so stark vom Außenhandel abhängt (2018 nur 18,5% des BIP), tragen gute Englischkenntnisse nicht wesentlich zum beruflichen Aufstieg bei. Die nationale Wirtschaft funktioniert auch ohne sie. Da erscheint die Fokussierung auf die Muttersprache wichtiger[1].

Etwas “Japlish” oder “Engrish” gefällig?

Das Verhältnis der Japaner zur Englischen Sprache ist also schwierig. Auch im öffentlichen Raum macht sich das bemerkbar, wenn Englischübersetzungen schief gehen. Das Ergebnis bezeichnet man als “Japlish” oder “Engrish” (Japanese English*). So z. B. folgender Text auf einem Schild, das darum bittet, die Gegenstände nicht zu berühren. Dies ist nur dem Personal vorbehalten: スタッフ以外はお手を触れないでください。Übersetzt wurde dies aber mit: “Please do not touch anyone except the staff.” , statt z. B. mit: “No touching (of objects) except by the staff, please.” Entweder Japaner haben viel Humor oder wirklich nur schlechte Englischkenntnisse.
Es besteht eine Diskrepanz zwischen Sprachbegeisterung und Können. So wird Englisch oft völlig sinnfrei oder falsch in Werbetexten oder als Aufdruck bei T-Shirts verwendet: “iMages are Hopefully in Your head since 1982.”. Aber das erscheint unwichtig, weil Englisch nur gut aussehen und “cool” wirken soll. So begegnet es einem in der japanischen Pop-Kultur in der Mode, den Medien und in Liedertexten. Daran haben auch die Ende der 1980er Jahre wie Pilze aus dem Boden geschossenen privaten Sprachschulen nur wenig geändert. Obwohl sie das Englisch-Problem humorvoll angingen, blieb das gewünschte Ergebnis in der breiten Masse der Bevölkerung bisher aus (siehe Video 2).

* Japanese English kann auch als Japanglish, Jinglish oder Janglish bezeichnet werden. Es steht stets für falsch übersetzte oder sinnfreie und nur Englisch anmutende Texte oder Wörter. Erklärt wird das Phänomen mit den Unterschieden zwischen den Sprachen bzgl. Grammatik und Phonetik.

Video 2: © Berlitz Sprachschulen, Japan 2021. Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=znzSlk-HYL8. Hinweis: Die Rechte am Video liegen beim Urheber oder dessen Auftraggeber (Berlitz, Japan). Das Video dient hier nicht der Werbung, sondern allein dem Zweck der Veranschaulichung der oben aufgeführten Sachverhalte!

Übersetzung von Video 2

Sprecher: 彼はなぜ後ずさりするのでしょう? Warum weicht er zurück? ソーシャルディイスタンスを気にるのでしょうか?Ist er besorgt um die soziale Distanz? いいえ、ただ単に英語でのコミュニケーションに逃げ腰なのです。Nein, er ist einfach zu schüchtern, um auf Englisch zu kommunizieren.
Amerikaner: コンニチハ、ハジメマシテ。 Guten Tag, schön sie kennenzulernen. ジョージトモウシマス。Ich heiße George.
Japaner: あっ、、えーと、私の名前、I am . . .じゃなくて My name . . . I am Japan。Oh, ähm, mein Name ist…ich bin… nein… Mein Name … Ich bin Japan.
Sprecher: さぁ、英語を準備しよう。Machen wir uns bereit für Englisch. いつ世界が動いてもいいように。Bereit, wenn sich die Welt bewegt.

Welche Fremdsprachen werden in Japan gesprochen?

Gemessen an der Häufigkeit der Anwendung einer Fremdsprache oder der Zahl an Sprechern, sind Chinesisch und Koreanisch die in Japan am häufigsten gesprochenen Fremdsprachen. Das liegt einfach an der Zahl der in Japan lebenden ethnischen Chinesen (> 920.000) und Koreaner (> 474.000)[2]. Außerdem sind es politisch und wirtschaftlich zunehmend wichtige Nachbarländer für Japan, sodass auch Japaner Interesse an diesen Sprachen haben. 1 Mio. Japaner lernen Chinesisch (meist Mandarin). Und Tatsächlich sind sie darin oft recht gut.
Die Hitliste der europäischen Sprachen führt – wie könnte es anders sein – Englisch an. Obwohl es keine beliebte Sprache ist, so ist es aber eine wichtige. Gefolgt von Russisch, Deutsch, Französisch, Portugiesisch, Spanisch und Niederländisch[3].
Deutsch und Niederländisch sind häufige Fremdsprachen unter älteren japanischen Akademikern. Bis 1945 basierte z. B. die Ausbildung japanischer Ärzte und Juristen auf deutschen Fachbüchern. Auch heute noch finden sich zahlreiche Fachbücher in deutscher und niederländischer Sprache in japanischen Universitätsbibliotheken.
Französisch, Italienisch oder Spanisch lernen die meisten Japaner eher aus Interesse, weil sie z. B. in die entsprechenden Länder reisen wollen.

Versteckte Sprachgenies

Ein anderes Phänomen sind die versteckten Sprachgenies unter Japanern, jene, die annähernd perfekt eine Fremdsprache wie Englisch, Deutsch, Französisch, Koreanisch, Chinesisch usw. sprechen. Entweder sie sind sehr begabt oder waren eine Zeit lang im Ausland. Man vermutet zwar, dass es solche Japaner geben muss, aber man kann sie kaum ausfindig machen.
So ist man völlig überrascht, wenn an einem geselligen Trinkabend der japanische Kollege oder die Kollegin nach einigen Monaten der Zusammenarbeit plötzlich ein annähernd perfektes Englisch oder sogar Deutsch auspackt. Man erfährt eher zufällig, dass man die ganze Zeit mit ihr oder ihm in der eigenen Sprache hätte sprechen können. Man muss dabei aber verstehen, dass das japanische Gegenüber dies aus Bescheidenheit, Rücksicht und Höflichkeit nie gezeigt hat. In der japanischen Harmoniegesellschaft wird nämlich solch ein Verhalten schnell als Angeberei gedeutet. Als würde sich jemand für besser, klüger oder gebildeter als sein Umfeld halten. Besonders dann, wenn das Übersetzen nicht zu den geforderten Aufgaben dieser Person gehört.

Immun gegen Japanisch?

Nervig sind allerdings die Japaner, die – ganz untypisch – Englisch absolut cool finden und ihre Sprachfähigkeit auch bei jeder Gelegenheit an einem ahnungslosen Ausländer ausprobieren wollen. Wenn der Ausländer aber Japanisch kann (zumindest halbwegs), dann scheinen sie wie immun gegen ihre eigene Muttersprache. Jeder andere Japaner wäre wohl froh, auf Japanisch mit einem Ausländer reden zu können, weil es so viel einfacher ist. Aber nicht dieser Typ! Er/sie redet unbeirrt auf Englisch und ignoriert, dass der Ausländer aber Japanisch kann. Man sollte dann höflich beim Englischen bleiben.

Anmerkungen

Quellen

[1] Vgl. Foreign Policy (FP): Japan doesn’t want to become another casualty of English, 26.05.2020.
BIP-Daten Japan 2018: https://data.worldbank.org/indicator/NE.EXP.GNFS.ZS?name_desc=false&locations=JP

[2] Vgl. Excite ニュース: 在日中国人、過去最多の92万人に 中国ネット「口では反日と言っておきながら・・・」, 18.01.2018. https://www.excite.co.jp/news/article/Searchina_20180118043/?period=1
Vgl. e-Stat: 国籍・地域別 在留資格(在留目的)別 在留外国人(中国、台湾、韓国、朝鮮)。 政府統計の総合窓口, 12.2019, https://www.e-stat.go.jp/stat-search/files?page=1&layout=datalist&toukei=00250012&tstat=000001018034&cycle=1&year=20190&month=24101212&tclass1=000001060399&tclass2val=0

[3] Vgl. The Japan Times: Japan is learning to love (and loving to learn) Chinese, 29.01.2004.