Topografie Japans

Beschreibung der Topografie Japans

Wenn man die Topografie Japans betrachtet, dann fällt auf, dass die Landfläche des Inselstaates von Bergen und Küsten geprägt ist. Viele der Berge sind Vulkane, darunter aktive und inaktive. Zudem sind die großen Inseln des Archipels aus dem erdnahen Orbit gesehen üppig bewaldet (Abb. 1).
In tief eingeschnittenen, engen Tälern fließen zahlreiche Gebirgsflüsse zur Küste. Von denen überschreiten aber nur wenige eine Länge von 300 km, weil die Gebirge fast überall bis nah an die Küsten reichen. Somit ist Japan zwar reich an Süßwasser, dafür sind aber nur wenige Kilometer der Flüsse in den Küstenebenen schiffbar.
Obwohl die topografischen Gegebenheiten idyllisch anmuten, so sind sie jedoch nicht ohne Folgen. So z. B. in Bezug auf die Bevölkerungsverteilung. Denn in Japan herrscht eine sogenannte Disparität zwischen den Küstengebieten und dem Binnenland. Aus dieser Disparität, als ungleiche Verteilung verstanden, resultieren wiederum aktuelle wirtschaftliche, soziale und damit auch politische Probleme.

Japan aus dem erdnahen Orbit, ESA/Envisat
Abb. 1: Blick auf Japan aus dem Orbit durch das MERIS (Medium Resolution Imaging Spectrometer). Quelle: ESA, Envisat, 24.08.2007.

Ungünstige Topografie?

Doch wie ungünstig ist die Topografie Japans tatsächlich? Hierzu ist eine Analyse der Beschaffenheit der Landfläche nötig.
So ist die gesamte Landfläche des japanischen Archipels zu ca. 68% bewaldet. Das Relief ist von Gebirgen (ca. 61%) und Hügeln (ca. 12%) geprägt. Viele der Berge und Hügel sind recht steil. Etwa 63% der Gesamtfläche Japans weisen Steigungen von 8° bis 30° auf und das auch in tieferen Hanglagen. Obwohl dies ungünstig für die Landwirtschaft ist, können dennoch Nutzflächen vielerorts durch das mühselige Anlegen von Terrassen gewonnen werden. Beispielsweise für den Anbau von Reis oder Tee (siehe Video).
Folglich bleiben noch ca. 25% für die Ebenen des Landes übrig[1]. Dabei liegen die ausgedehnten Tiefebenen wegen der gebirgigen Topografie vorwiegend an den Küsten. In den Gebirgen des Binnenlandes finden sich nur Hochebenen eher kleineren Umfangs.

Video: Lautloser Flug über die terrassierten Reisfelder von Kamō, Präfektur Niigata. © JNTO (Japan Online Media Center, JOMC).

Unendliche Weiten

25% an Ebenen ist nicht gerade viel. Zumal städtebauliche, industrielle und landwirtschaftliche Nutzung hier miteinander konkurrieren.
Immerhin gibt es aber eine Ausnahme und zwar die Insel Hokkaidō. Die nördlichste Hauptinsel Japans, die etwas größer als die Schweiz ist, wurde erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. intensiv in Sachen Infrastruktur entwickelt. Zuvor schienen die eisigen Winter und rohe Wildnis dort nur für Bären und Ainu (Ureinwohner) geeignet. Nachdem aber die moderne europäische Vieh- und Landwirtschaft in Japan Einzug hielt, schienen die weiten Ebenen von Hokkaidō dafür ideal.
Also beeinflusste die Topografie Japans die Möglichkeiten der Nutzung von Land. Deshalb wurde in Ebenen vor allem dem Wachstum von Metropolen und Industriegebieten Vorrang gegeben. Hingegen ist die Landwirtschaft hier nachrangig. Schließlich entwickelten sich in den Küstenebenen Honshūs die industriellen und städtischen Zentren Japans, wie etwa die Metropolen Tōkyō, Ōsaka und Nagoya. Diese sind zugleich die Zentren sogenannter Metropolregionen geworden, den daitoshiken.

Disparität der Bevölkerungsverteilung

Somit ist neben wirtschaftlichen Faktoren auch die Topografie Japans indirekt an der heute ungleichen Verteilung der Bevölkerung schuld. In den Küstenebenen der Pazifikküste haben sich Ballungszentren gebildet, die eine hohe Bevölkerungsdichte aufweisen. Das Binnenland und die Westküste Honshūs erscheinen im Vergleich spärlich besiedelt (Karte). Diese Entwicklung führte über die Jahrzehnte zu Problemen.

Karte der Bevölkerungsdichte in Japan, 2015
Karte: Bevölkerungsdichte Japans nach Präfekturen, 2015. Datenquelle: Japanisches Ministerium für Innere Angelegenheiten und Kommunikation/総務省, 2021.

Räumliche Entwicklung bis 1868

Die Topografie Japans sorgte schon früh in der japanischen Geschichte, dass die Küstenebenen Honshūs die bevorzugten Siedlungsräume waren. Sie boten nicht nur den nötigen Platz, sondern vor allem sehr günstige Bedingungen für den Anbau von Reis und anderen Feldfrüchten. Das Meer war ein ebenso wichtiger Nahrungslieferant. Die Küstenlage bevorzugten Ende des 15. Jhs. auch mächtige Feudalfürsten für ihre Burgen, um die herum die ersten Städte entstanden (Abb. 2). Diese Burgstädte entwickelten sich zu den Zentren aller politischen, ökonomischen und kulturellen Prozesse.

Abbildung der Burg Matsuyama
Abb. 2: Die Burg von Matsuyama, auf einem Hügel erbaut, war einst der Ursprung der gleichnamigen Stadt. © JNTO.

Durch den sehr lukrativen Überseehandel mit dem asiatischen Raum nahmen die Hafenstädte eine wirtschaftliche Vormachtstellung ein. Im 16. Jh. zählten die Hafenstädte Ōsaka und Nagoya zu den bedeutendsten Handelszentren Japans. Hier wurden Waren aller Art von den Küsten Asiens umgeschlagen und gehandelt. Ōsaka übertrifft hierin Tōkyō sogar noch heute. Die ländlichen Gebiete dienten dagegen fast nur noch der Produktion von landwirtschaftlichen Gütern. Insofern lockte schon damals das städtische Umfeld mehr und mehr die Bevölkerung ruraler Gegenden an, die sich in den Städten ein besseres Leben erhoffte. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit im feudalen System verhinderte jedoch eine verstärkte Abwanderung vom Land und den unkontrollierten Zuzug in Städte.

Räumliche Entwicklung ab 1868

Mit dem Ende des Feudalismus ab 1868 bescherte die neue Freizügigkeit bei der Wahl des Wohnorts und Berufs den Städten einen immensen Wachstumsschub. Andere Faktoren, wie der Außenhandel, bewirkten in der Folge weitere Schübe. Durch die beginnende Industrialisierung verdoppelte sich bspw. die Einwohnerzahl Tōkyōs in nur 15 Jahren, zwischen 1872 und 1887, auf 1,2 Mio. Sie lag damit zu jener Zeit weltweit an der Spitze. Im weiteren Verlauf des 19. Jhs. förderte der rasante Aufbau einer leistungsfähigen Schwerindustrie in Japan den Bevölkerungszuwachs in den Industriestädten zusätzlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg manifestierte der Wiederaufbau der Städte erneut das Populationsgefälle zwischen urbanen Küstenregionen und ruralem Binnenland. Die wachsende Prosperität der urbanen Ballungsräume in den 1960ern und ’70ern führte schließlich in manch ländlich geprägter Region zu einer regelrechten Landflucht junger Menschen. In den Großstädten fanden sie bessere Bildungsmöglichkeiten und gut bezahlte Arbeitsplätze in der Industrie und im Dienstleistungssektor.

Aktuelle Situation

Die oben dargestellte Entwicklung hält bis heute an. Denn die kulturelle, infrastrukturelle und ökonomische Attraktivität der Großstädte hat zugenommen (Abb. 3). Diese sind inzwischen zu enormen Städten angewachsen und teils miteinander sogar zu Metropolregionen verwachsen, in denen klare Stadtgrenzen kaum noch sichtbar sind. Die ländlichen Regionen scheinen wie abgehängt. So entstand die heutige Disparität, die ungleichmäßige Bevölkerungsverteilung zwischen Stadt und Land. Als statistische Größe steht sie auch im Fokus der Vereinten Nationen, weil sie soziale, politische, ökonomische und ökologische Prozesse und Veränderungen widerspiegelt.

Abbildung Hiroshima, Stadt
Abb. 3: Das heutige Stadtzentrum Hiroshimas steht für das moderne und urbane Japan mit all seinen Vorteilen und Annehmlichkeiten in Wirtschaft und Kultur. © Hiroshima Convention & Visitors Bureau.

Demnach lebten 2010 in Japan 66,8% aller Bürger in Städten[2]. Diese Zahl erscheint überraschend niedrig, wenn man als Japanbesucher einmal die großen Menschenmassen in den Großstädten gesehen hat. Tatsächlich liegt diesem Wert die japanische Definition einer Stadt zugrunde. Ein Minimum von 50.000 Einwohnern ist Voraussetztung. In Deutschland können dagegen schon Ortschaften ab 2.000 Bürgern als Stadt gelten. Insofern sind die 66,8% städtischer Bevölkerung in Japan als hoher Wert einzuschätzen. Besonders deutlich wird dies an der Metropolregion um Tōkyō, in der sich etwa ein Viertel der japanischen Population konzentriert[3].

Disparität zwischen Stadt und Land

Ein weiteres Problem, das sich aus der Topografie Japans ergibt, ist die Disparität zwischen Stadt und Land. Dies erstreckt sich auf sämtliche Aspekte des Lebens. Insbesondere auf die Wirtschaft, Infrastruktur, Kultur und soziale Leben im weitesten Sinne. Diese Aspekte sind miteinander verknüpft, sodass einige ländliche Gegenden aufgrund der Landflucht und verstärkt durch den demografischen Wandel auch einen wirtschaftlich-infrastrukturellen und letztlich sozialen Niedergang erleben, wie das Beispiel der Stadt Yūbari auf Hokkaidō zeigt.

Yūbari – Beispiel der Landflucht

Einst lebte das ca. 116.900 Einwohner zählende Yūbari vom Kohlebergbau. Das brachte Wohlstand. Mit dem Niedergang des Bergbaus verließ die jüngere, arbeitsfähige Bevölkerung Yūbari. Sinkende Steuereinnahmen über Jahre führten dann zur Schließung von öffentlichen Einrichtungen und zum Abbau von Infrastruktur. Auch die arbeitsuchende Jugend begann den Ort zu verlassen. Yūbari ist seit 2007 insolvent. 2011 trat Suzuki Naomichi, ein 32-jähriger ambitionierter Beamter aus Tōkyō, das Bürgermeisteramt an. Er versucht seitdem mit einem strengen Sparkurs (Entlassungen im öffentliche Sektor), hohen Steuern, Privatisierungen und innovativen Ideen die Stadt wieder auf die Füße zu bringen. Doch was passiert mit einer Stadt, die die Jungen verlassen, wenn sie können? Und wo die Jungen lieber Kinderlos bleiben, wenn sie keine Arbeit in einer der Metropolen finden. Sie besteht nur aus Alten. Schätzungen zufolge könnte die Einwohnerzahl Yūbaris bis 2030 auf 6.000 sinken. 50% der Einwohner würden dann Senioren sein, die älter als 60 sind[4].

Topografie Japans als Ursache des Regionalismus

Die Topografie Japans beeinflusste schon früh die Entwicklung des Landes. Als die Siedler auf den japanischen Inseln sich zu organisieren begannen, gründeten sie Dörfer und Siedlungen. Sie lebten vom Land und dem Meer als Bauern und Fischer. Im gebirgigen Inneren der großen Inseln lebte bildeten sich abgeschiedene Dörfer, die auf sich gestellt waren. Damit jeder überleben konnte, war es nötig sich gemeinschaftlich um den Fischfang oder die Feldarbeit zu kümmern. Dieses Lebensweise führte auch zur Ausbildung einer intensiv empfundenen Orts- und Gruppenzugehörigkeit, die sich schließlich auch auf das Handeln und Denken der Menschen auswirkte.

Regionale Eigenheiten

Damit hat die Topografie eines Archipels einerseits zwar die Bildung einer gruppenorientierten und konformen Gesellschaft begünstigt, gleichzeitig aber auch die Ausbildung regionaler Eigenheiten gefördert, die sich in der Sprache (Dialekten), Brauchtum (Festen und Lebensstil), bestimmten Agrarprodukten und Kulturlandschaften widerspiegeln. Daher ist der Regionalismus in Japan bis heute recht stark ausgeprägt. Nahezu jede Region hat eine Spezialität oder Besonderheit aufzuweisen, auf die die dort lebenden Menschen stolz sind. Hierfür stehen besonders das Kunsthandwerk oder typische Agrarprodukte. Auch ausgeprägte Dialekte unterstreichen die „Andersartigkeit“ vom Rest des Landes. Bis heute versuchen Zugezogene aus ländlichen Gegenden sich in den Metropolregionen auch sprachlich anzupassen, um nicht aufzufallen oder gar als einfältige „Landeier“ zu gelten.

Die Verbindung zu den Wurzeln

Auch in der Moderne stammte so mancher Einwohner einer Metropolregion eigentlich aus einer ländlichen Gegend des Landes. Auf Japanisch als inaka bezeichnet. Mit diesen eher etwas entlegeneren Gegenden Japans verbindet viele ein emotionales Band, weil es ihr furusato ist. Auf Japanisch bezeichnet dies den Heimat-, Geburts- oder Ursprungsort sowie die alte Heimat (Abb. 4). Immer wieder zieht es die Städter in die Heimat, wie von einem magischen Magneten angezogen. Sie besuchen dort ihre Eltern, Großeltern und alten Nachbarn. Oder sie schicken ihre Kinder zu den Großeltern dorthin in die Ferien. Außerdem sind die religiösen und folkloristischen Festlichkeiten ein besonderer Grund heimzukehren. So bleiben die Städter trotzdem Teil des kulturellen Lebens im Dorf.

Abbildung ländliches Japan
Abb. 4: Das ländliche Japan mit seinen Landschaften und Dörfern, das sogenannte inaka, ist der Ursprung vieler Stadtmenschen. © Kagoshima Prefectural Tourist Federation/JNTO.

Die Bindung bleibt auch durch die Pakete erhalten, die einem die Verwandten gerne zu bestimmten Anlässen aus der ländlichen Heimatregion zusenden. Deren Inhalt an Agrarprodukten und selbst gemachten Speisen erinnert einen stets daran, wer man ist und woher man kommt. Für die meisten Japaner mit Wurzeln im inaka ist diese Verbundenheit zur Heimatregion etwas fast Heiliges und Unzerstörbares. Deshalb löst sich dieses emotionale Band oft erst mit dem Tod der dort lebenden Elterngeneration oder der Verwandten.

Japanische Begriffe und Schriftzeichen

(alphabetisch geordnet)

Daitoshiken 大都市圏 (Metropolregion)

Furusato 故郷 (Heimatort, alte Heimat, Geburtsort, Ursprungsort)

Inaka 田舎 (ländl. Gegenden Japans)

Quellen

[1] Vgl. Ministry of Internal Affairs and Communication of Japan: 1-5 Major Rivers (2010), 2012, www.stat.go.jp/data/nenkan/zuhyou/y0105000.xls (abgerufen 15.08.2012);
1–6 Area by Land Category (2000-2008), 2012,
www.stat.go.jp/data/nenkan/zuhyou/y0106000.xls (abgerufen 15.08.2012)
1-8 Area by Configuration, Gradient and Prefecture, 2012, www.stat.go.jp/data/nenkan/zuhyou/y0108000.xls (abgerufen 15.08.2012)

[2] Vgl. The Guardian: Percentage of global population living in cities, by continent, 2009. https://www.theguardian.com/news/datablog/2009/aug/18/percentage-population-living-cities (abgerufen 12.02.2014).

[3] Vgl. Flüchter, Winfried: Shrinking Cities in Japan: […], .In: Shrinking Cities (Ed.): Complete works 3 – Japan. Shrinking Cities Project, & Kulturstiftung des Bundes, Projektbüro Philipp Oswalt, Berlin, 2008.
www.shrinkingcities.com/fileadmin/shrink/downloads/pdfs/CWJapan_Kapitel3.pdf (abgerufen 26.02.2014)

[4] Vgl. Flüchter, Winfried: Schrumpfende Städte als Herausfoderung [].In: Jahrbuch des Deutschen Instituts für Japanstudien. Nr. 20, Iudicium Verlag, München, 2008, S. 3–8.
Vgl. Neue Züricher Zeitung: Lichterlöschen in Yubari – Eine überschuldete Gemeinde im japanischen Norden kämpft um ihr Überleben, 21.04.2007. www.nzz.ch/aktuell/startseite/articleF3ZCH-1.146544 (abgerufen 21.04.2007).
Vgl. The Japan Times: Yubari set on reconstruction, 2010. https://www.japantimes.co.jp/opinion/2010/03/15/editorials/yubari-set-on-reconstruction/#.XgZZbi1oRGw (abgerufen 15.03.2010)