Erdbeben in Japan

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Erdbeben in Japan

Erdbeben in Japan sind fast schon etwas alltägliches. Die Japaner bezeichnen diese recht treffend als jishin, was sich schüttelnde/zitternde Erde bedeutet. Erdbeben treten landesweit auf, das heißt, in dicht besiedelten Gebieten wie auf dem Land. Oft sind es nur kleine und kurze Beben. Trotz der Häufigkeit fürchten die Japaner dieses Naturphänomen, weil es auch sehr zerstörerisch sein kann. Die Geschichte zeig, dass es Erdbeben auf den japanischen Inseln schon immer gab. Darunter immer wieder auch solche, die große Zerstörungen verursachten.

Was verursacht Erdbeben in Japan?

Geografischen liegt Japan am Rand Ostasiens. Hinzu kommt noch eine geophysische Besonderheit. Der Archipel liegt in einer tektonisch aktiven Zone. Hier treffen die eurasische Kontinentalplatte (im Westen), die pazifische (im Osten), die amerikanische (im Norden) und die philippinische (im Süden) aufeinander. Das sorgt regelmäßig für Erdbeben (sieh Pazifischer Feuergürtel). Die nordöstliche Hälfte Honshūs und die Insel Hokkaidō liegen auf der nordamerikanischen Platte.
Die südliche Hälfte Honshūs, die Inseln Shikoku und Kyūshū sowie die Nansei-Inselkette befinden sich auf der eurasischen. Die nordamerikanische, eurasische und philippinische Platte treffen sich unter der Izu-Halbinsel (Izu-hantō) und drücken gegeneinander. In diesem Bereich schiebt sich in einer Subduktion die philippinische unter die eurasische Kontinentalplatte (Abb. 1).

Plattentektonik unter Japan
Abb. 1: Tektonische Zonen um Japan.

Wie häufig treten Erdbeben in Japan auf?

Statistisch werden in Japan jährlich ca. 7.500 Erdbeben gemessen. Nicht jedes davon ist für den Menschen spürbar. Im Grunde nur ca. 1.500 davon. Die schwachen bis mittleren Beben lassen erdbebenresistente, moderne und traditionelle Gebäude meist nur etwas wanken. Die Menschen bleiben meist ruhig, weil sie dies gewöhnt sind. Die starken Erdbeben wiederum können zu deutlichen Schäden an Gebäuden führen (Abb. 2 u. 3[1]). Dies hängt davon ab, wie heftig und lange die Erschütterungen anhalten. Entscheidend ist auch, ob die Erde sich horizontal oder vertikal bewegt oder gar in beide Richtungen. Bei vertikalen Bewegungen verschieben sich Erdmassen gegeneinander in der Höhe. Sichtbar wird dies an Gehwegen oder Straßen, wenn Beton, Steinplatten oder der Asphalt aufgerissen sind und sich unterschiedliche Höhen zwischen Flächen ergeben, die zuvor auf einer Ebene waren.

Schäden durch Beben in Niigata 1964
Abb. 2: Umgestürzte Wohnblocks in der Präfektur Niigata, 1964. Hier hat das Erdbeben Grundwasser aus der Tiefe in obere, sandige Erdschichten gepresst, die wie eine schmierige Masse in Bewegung kamen.
Kollabiertes Gebäude nach dem Beben in Kōbe
Abb. 3: Im Erdgeschoss durch das Beben in Kōbe kollabiertes Gebäude.

Das Kantō-Erdbeben von 1923

Es ist allerdings nicht das erste Mal in der Geschichte Japans, dass ganze Ortschaften durch so eine Naturkatastrophe vernichtet wurden. Am 1. September 1923 ereignete sich das Kantō daishinsai (große Kantō Erdbebenkatastrophe), das mit einer Magnitude (Mw) von 7,9 Tōkyō weitgehend zerstörte. 142.800 Menschen kamen ums Leben[2]. Dieses Ereignis ist unauslöschlich in der Geschichte verankert. Nicht zuletzt, weil es in seinen Auswirkungen ebenso grausam war, wie die Luftangriffe der US-Amerikaner im Zweiten Weltkrieg.

Beben und Feuer

Ein Teil der Opfer wurde direkt von den über ihnen einstürzenden Häusern erschlagen. Die Trümmer vieler kollabierter Häuser fingen Feuer. Das Beben ereignete sich zur Mittagszeit und in den meisten Haushalten wurden die damals üblichen Kochstellen mit offenem Feuer angefacht. Die alten traditionellen Holzhäuser und was von ihnen übrig war, gingen schnell in Flammen auf (Bild 3 u. 4[3]). Vereinzelt bildeten sich über den Brandherden durch die entstehende Thermik Feuersäulen, die einem Tornado gleich über Menschen und Gebäude rasten, diese mit sich rissen und verbrannten. In den hügeligen Randgebieten Tōkyōs ereigneten sich Erdrutsche, die ganze Dörfer verschütteten. Nirgends gab es Schutz.

Kantō-Erdbeben 1923
Abb. 4: Nur noch wenige Häuser oder deren Grundmauern standen nach dem Kantō-Erdbeben vom 1. September 1923. Quelle: Encyclopædia Britannica.
Kantō-Erdbeben 1923
Abb. 5: Luftaufnahme des Zentrums von Tōkyō rund um Nihon-bashi nach dem Beben vom 1. September 1923. Gut zu erkennen sind die wenigen Gebäude aus Ziegeln oder Beton, die zum Teil noch stehen. Quelle: Kaiserlich Japanische Armee, 5. September 1923.

Folgen des Bebens

Für die Überlebenden dieser Katastrophe war die Feuersbrunst ein schauerliches Erlebnis. Die Wut über die eigene Machtlosigkeit und den Verlust von Hab und Gut führte zu sinnlosen Gewaltausbrüchen. Überlebende Japaner gingen auf die koreanische Minderheit los. Erst kurz zuvor (1910) hatte Japan die koreanische Halbinsel annektiert und kolonialisiert. Viele Japaner fürchteten, dass in Tōkyō lebenden koreanische Freiheitskämpfer die Situation für einen Aufstand oder den Umsturz der japanischen Regierung nutzen könnten. Es kursierte ein von nationalistischen Zeitungen lanciertes Gerücht, dass die Koreaner raubend und mordend Vorteile aus der Katastrophe ziehen würden. Zudem würden sie Brunnen vergiften. Tatsächlich lösten sich im Grundwasser durch das Erdbeben aus dem Erdreich freigesetzte Stoffe, die zu Verfärbungen des Brunnenwassers führten. Ein damals noch nicht genauer erforschter Effekt.

Japanisch Begriffe und Schriftzeichen

  • Jishin 地震 (schüttelnde/zitternde Erde)
  • Kantō daishinsai 関東大震災 (große Kantō Erdbebenkatastrophe)

Quellen

[1] Abb. 2: Liquefaction at Niigata. Niigata Earthquake, 1964, Japan National Committee on Earthquake Engineering, Proceedings of the 3rd World Conference in Earthquake Engineering, Vol. III, pp. s.78-s.105; gefunden bei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Liquefaction_at_Niigata.JPG (15.10.2019).
Abb. 3: 阪神淡路大震災。兵庫県神戸市中央区加納町3丁目2-2株式会社高根商店あたり。Bildautor: Akiyoshi’s Room, 17.01.1995; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hanshin-Awaji_earthquake_1995_Chuo-ku_Kobe_city_Hyogo_prefecture_350.jpg (15.10.2019).

[2] Vgl. United States Geological Survey (USGS): Historic earthquakes. Kanto (Kwanto), Japan 1923, September 01 [], 2012.

[3] Abb. 4: Encyclopædia Britannica: Tokyo-Yokohama earthquake of 1923. Image. Encyclopædia Britannica;
https://www.britannica.com/event/Tokyo-Yokohama-earthquake-of-1923#/media/1/1421140/241828 (15.10.2019).
Abb. 5: 震災後の日本橋空撮図。吉川弘文館「写真集 関東大震災」より。Bildautor: 日本陸軍, 05.09.1923; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aerial_view_of_Nihonbashi_after_Great_Kanto_earthquake.JPG (15.10.2019).